Wie die Schweizer e-ID Datenschutz und sichere Identitätsprüfung verbindet
Wie die Schweizer e-ID nur die wirklich nötigen Daten offenlegt
Die Schweizer e-ID verfolgt einen neuen Ansatz für digitale Identitäten: Es werden nur die Daten geteilt, die tatsächlich benötigt werden. Doch wie können Nachweise gleichzeitig datensparsam und vertrauenswürdig sein? Dieser Artikel beleuchtet die technischen Grundlagen der Schweizer e-ID.
Im letzten Artikel zum Thema haben wir die Schweizer e-ID aus konzeptioneller Sicht betrachtet und ihre Rolle im digitalen Identitätsökosystem erläutert.
In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf die technische Funktionsweise. Anhand konkreter Beispiele zeigen wir, wie digitale Nachweise ausgestellt, in einer Wallet gespeichert und von Unternehmen oder Behörden geprüft werden. Dabei beleuchten wir die zugrunde liegenden Standards, die Rollen von Issuer,
Holderund
Verifier sowie die Datenflüsse zwischen den beteiligten Akteuren.
Architektur und Grundlagen
Die Schweizer e-ID basiert auf einer Architektur, bei der digitale Nachweise von vertrauenswürdigen Stellen ausgestellt, von Nutzerinnen und Nutzern in einer Wallet verwaltet und bei Bedarf gegenüber Unternehmen oder Behörden vorgelegt werden können.
Dafür kommen verschiedene offene Standards zum Einsatz:
Verifiable Credentials (VCs)
Decentralized Identifiers (DIDs)
OpenID for Verifiable Credential Issuance (OpenID4VCI)
Verifiable Presentations (OpenID4VP).
Diese Standards bilden die Grundlage für Funktionen wie Selective Disclosure oder Batch-Issuance, die eine gezielte und datensparsame Weitergabe von Informationen ermöglichen.
Gemeinsam schaffen diese Standards die Grundlage für Interoperabilität, Sicherheit und Datenschutz. Sie ermöglichen, dass digitale Nachweise systemübergreifend ausgestellt, ausgetauscht und geprüft werden können. Wie die verschiedenen Akteure dabei zusammenwirken und welche Rollen sie innerhalb des e-ID-Ökosystems übernehmen, zeigt die folgende Systemübersicht.
Systemübersicht: Rollen und Kommunikation
Die Schweizer e-ID ist als dezentrales Identifikationssystem konzipiert und basiert auf einem klaren Rollenmodell. Dabei übernehmen ausstellende Stellen, Nutzerinnen und Nutzer sowie prüfende Organisationen jeweils unterschiedliche Aufgaben:
- Issuer / Ausstellerin: stellt die e-ID aus (z. B. staatliche Stelle)
- Holder / Inhaberin: Person mit Wallet (Nutzende)
- Verifier / Verifikatorn: prüfende Instanz (z. B. ein Dienst wie fidentity)
Technisch basiert das Zusammenspiel auf Verifiable Credential sowie den Protokollen OpenID4VCI für die Ausstellung und OpenID4VP für die Präsentation digitaler Nachweise.

Die Säulen der Schweizer e-ID-Infrastruktur: Das dezentrale Zusammenspiel zwischen Ausstellerin (Issuer), Inhaber (Holder), Prüfstelle (Verifikatorin) und der Vertrauensdatenbank (Register).
Nach der Ausstellung durch den Issuer wird der digitale Nachweis in der Wallet des Holders gespeichert. Möchte sich die Person später gegenüber einem Unternehmen oder einer Behörde ausweisen, erfolgt die Kommunikation direkt zwischen Wallet und Verifier.
Dabei übermittelt die Wallet eine Verifiable Presentation. Diese enthält die für den jeweiligen Anwendungsfall erforderlichen Informationen und ist kryptografisch abgesichert. Dank Selective Disclosure werden nur jene Attribute offengelegt, die tatsächlich benötigt werden. So kann beispielsweise nachgewiesen werden, dass eine Person über 18 Jahre alt ist, ohne ihr genaues Geburtsdatum oder weitere personenbezogene Daten preiszugeben.
Der Verifier prüft anschliessend die Echtheit und Gültigkeit des Nachweises. Dafür nutzt er die in der Vertrauensinfrastruktur bereitgestellten Informationen über vertrauenswürdige Ausstellerinnen und deren kryptografische Schlüssel. So kann überprüft werden, ob der Nachweis tatsächlich von einer berechtigten Stelle ausgestellt wurde und unverändert ist. Ein direkter Kontakt zur Ausstellerin ist dafür nicht erforderlich.
Wesentlich ist dabei: Der Bund ist nicht Teil des Live-Prüfprozesses. Es entsteht kein zentraler Abgleich und keine protokollierte Nutzungshistorie. Jede Verifikation bleibt bilateral zwischen Holder und Verifier.
Die dezentrale Architektur in der Praxis
Zero Backchannel zum Issuer: Die Validierung erfolgt rein bilateral zwischen Wallet und Verifier über öffentlich verfügbare kryptografische Schlüssel. Der Bund ist nicht Teil des Live-Prüfprozesses – es gibt keinen zentralen Laufzeit-Abgleich und kein zentrales Logging.
Kryptografische Datenbindung (Holder Binding): Das übermittelte VP Token enthält die selektierten Attribute und ist kryptografisch direkt an das Schlüsselpaar der Wallet gebunden. Dadurch wird sichergestellt, dass nur die berechtigte Person einen Nachweis verwenden kann.
Attribute-Level Privacy (Selective Disclosure): Über die presentation_definition im VP Request steuert der Verifier granular, welche Scopes benötigt werden. So lassen sich einzelne Eigenschaften nachweisen – beispielsweise die Volljährigkeit –, ohne zusätzliche personenbezogene Daten offenzulegen (z. B. Constraint Over 18: true, statt des vollständigen birth_date).
Stateless Revocation via Status Lists: Die Gültigkeitsprüfung erfolgt ohne Performance-Einbussen oder API-Requests beim Aussteller. Der Verifier decodiert die vom Issuer signierte Bitstring-Statusliste (lst) und prüft direkt den spezifischen Index (idx). Es sind keine direkten Online-Anfragen an die Ausstellerin erforderlich, was Datenschutz und Skalierbarkeit verbessert.
Wie Daten abgefragt werden
Die Abfrage von Attributen erfolgt standardisiert über einen Verifiable Presentation (VP) Request. Dieser wird vom Verifier (z. B. fidentity als Verifier) an die Wallet der Nutzenden gesendet. Bei der swiyu Wallet geschieht dies typischerweise über einen Deep Link oder einen QR-Code, über den die Wallet den eigentlichen Request abruft.
swiyu-verify:///?client_id=did:tdw:[...]&client_id_scheme=did&request_uri=https://[...].fidentity.ch/ssi/openid4vp/[...]/client-request
Technisch beschreibt der VP Request, welche Informationen benötigt werden und unter welchen Bedingungen diese übermittelt werden sollen.
Der Presentation Request definiert:
- benötigte Attribute
- technische Anforderungen (Format, Signaturen)
- Vertrauens- und Sicherheitsparameter
Typische Bestandteile sind Ablaufzeitpunkt, Nonce zum Schutz vor Wiederverwendung sowie eine Presentation Definition zur strukturierten Beschreibung der angeforderten Daten:
{
"response_type": "vp_token",
"response_mode": "direct_post",
"client_id": "did:example:fidentity",
"nonce": "…",
"response_uri": "https://[...].fidentity.ch/ssi/openid4vp/[...]/response/[...]",
"presentation_definition": {
"input_descriptors": [
{
"constraints": {
"fields": [
{ "path": ["$.given_name"], "optional": false },
{ "path": ["$.family_name"], "optional": false },
{ "path": ["$.birth_date"], "optional": false },
{ "path": ["$.issuing_country"], "optional": false },
{ "path": ["$.expiry_date"], "optional": false },
{ "path": ["$.portrait"], "optional": true }
],
"limit_disclosure": "required"
}
}
]
}
}
Die Wallet stellt diesen Request transparent dar und holt die explizite Zustimmung der Nutzenden ein. Anschliessend erzeugt sie eine passende Verifiable Presentation (VP), die direkt an fidentity (oder andere Verifier) an die vorher kommunizierte response_uri übermittelt wird.
VP Token und kryptografische Verifikation
Dieses VP Token enthält genau die angeforderten Attribute und ist kryptografisch an die Wallet gebunden:
{
"vct": "betaid-sdjwt",
"iss": "did:example:issuer",
"iat": 1777939200,
"cnf": {
"jwk": {
"kty": "EC",
"crv": "P-256"
}
},
"given_name": "Vorname",
"family_name": "Nachname",
"birth_date": "1994-08-12",
"issuing_country": "CH",
"expiry_date": "2027-08-05",
"portrait": "base64-encoded-image-data",
"status": {
"status_list": {
"uri": "https://...admin.ch/api/v1/statuslist/9647ae3b-fcac-4ff0-a5fa-49a8fd023ad2.jwt",
"idx": 1337
}
},
}
Der Ablauf lässt sich vereinfacht wie folgt darstellen:
- Request (Verifier → Wallet): Der Verifier (z.B. fidentity) stellt strukturierte Anfrage inder bestimmte Attribute angefordert werden.
- User Consent (Wallet): Nutzende prüfen die Anfrage und erteilen die Freigabe.
- Response / VP Token (Wallet → Verifier): Die Wallet erstellt eine passende Verifiable Presentation und übermittelt diese an den Verifier, die signierte Präsentation wird übermittelt.
Der Verifier prüft anschliessend Signaturen, Integrität der übermittelden Daten und deren Gültigkeit. Ein Rückkanal zum Issuer ist dafür nicht notwendig.
Statusprüfung der e-ID über Status Lists
Neben der kryptografischen Verifikation muss ein Verifier auch prüfen können, ob ein Nachweis noch gültig ist. Die Gültigkeit einer e-ID wird zusätzlich über Status ListList geprüft.
Diese ermöglicht die Prüfung von Widerrufen oder Statusänderungen, ohne personenbezogene Daten offenzulegen oder Nutzungsprofile zu erstellen.
Die Statusinformationen werden über eine öffentlich zugängliche, signierte Statusliste bereitgestellt:
{
"iss": "did:example:issuer",
"sub": "https://[...].admin.ch/api/v1/statuslist/9647ae3b-fcac-4ff0-a5fa-49a8fd023ad2.jwt",
"iat": 1777995398,
"status_list": {
"bits": 1,
"lst": "eNrt1dFugyAUAFB0PLBlWci-wE8h-zKzL1..."
}
}
Über den Index idx aus dem vorherigen VP Token und der entpackten und decodierten Liste lst kann der Verifier effizient prüfen, ob ein Credential aktiv, widerrufen oder ungültig ist. Diese Methode ermöglicht eine datensparsame Revocation-Prüfung ohne individuelle Rückfragen beim Issuer.
In der Praxis kombiniert der Verifier 3 Prüfmechanismen:
- kryptografische Signaturen
- dezentrale Vertrauensprüfung (Issuer/Trust Model)
- Status List basierte Revocation-Prüfung
Damit wird sichergestellt, dass Daten authentisch, unverändert und aktuell gültig sind.
Fazit
Die e-ID verbindet zwei zentrale Anforderungen moderner digitaler Identifikation: konsequente Datensparsamkeit und hohe kryptografische Sicherheit.
Selective Disclosure stellt sicher, dass nur zwingend notwendige Informationen übertragen werden. Gleichzeitig ermöglichen offene Standards, Vertrauensinfrastrukturen und kryptografische Verfahren eine sichere Verifikation, ohne zentrale Abhängigkeiten oder umfassende Datensammlungen zu schaffen.
Für Nutzende bedeutet das mehr Kontrolle über ihre eigenen Daten. Für Verifier entsteht ein standardisiertes, interoperables Prüfverfahren, das sich direkt in digitale Prozesse integrieren lässt.
fidentity als Verifier
Als Verifier unterstützt fidentity Unternehmen bei der Integration und Nutzung der Schweizer e-ID. Darüber hinaus unterstützt fidentity bestehende Identifikations- und Signaturprozesse umfassend – inklusive ID-Checks, Safety Checks, PEP-Screening, Liveness Detection sowie qualifizierten elektronischen Signaturen (QES). So lässt sich die e-ID ohne Brüche in bestehende Compliance- und Onboarding-Strecken integrieren.
Nehmen Sie mit uns Kontakt aufGlossar
Stelle, die ein Verifiable Credential (z. B. eine e-ID) ausstellt. Im Kontext der e-ID typischerweise eine staatliche oder vertrauenswürdige Institution.
Person oder Entität, die ein Credential in einer Wallet besitzt und kontrolliert. Der Holder entscheidet, welche Daten freigegeben werden.
Prüfende Instanz (z. B. ein Dienst wie fidentity als Verifier), die ein Credential validiert und die Echtheit sowie Gültigkeit überprüft.
Digital signierte Nachweise (also z.B. die e-ID als Ausweis), die kryptografisch überprüfbar sind. Sie werden von einem Issuer ausgestellt, von einem Holder verwaltet und von einem Verifier geprüft – ohne zentrale Datenbank.
Globale, dezentrale Identifikatoren (z. B. did:example:123), die keiner zentralen Registrierungsstelle unterliegen. Sie verweisen auf sogenannte DID-Dokumente, die öffentliche Schlüssel und Metadaten enthalten, um Identitäten kryptografisch zu verifizieren.
Einkopiertes Protokoll, das regelt, wie digitale Nachweise (VCs) über das OpenID-Ökosystem ausgestellt werden. Es definiert u. a. den sicheren Ablauf zwischen Issuer und Wallet (Holder).
Ergänzendes Protokoll zu OpenID4VCI, das beschreibt, wie ein Holder seine Credentials einem Verifier vorlegt (Presentation), inklusive Authentifizierung und Integritätsprüfung.
Einmaliger kryptografischer Wert zur Absicherung gegen Replay-Angriffe bei Verifikationsprozessen.
Kryptografisch signierte Liste zur effizienten Prüfung von Widerruf oder Statusänderungen eines Credentials ohne Offenlegung personenbezogener Daten.
Prozess, bei dem ein ausgestelltes Credential für ungültig erklärt wird.